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An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser (Charlie Chaplin)

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Sammlung von Kurzgeschichten

Themenvorgabe im Club der Wortakrobaten: HASS

Seine Schläfen pochten und sein Körper spannte sich unter dem Einfluss des Adrenalins. Der Griff um den kalten Carbonstahl des Skalpells wurde so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Unter anderen Umständen hätte das rhythmische Trommeln der Regentropfen auf dem Wellblechdach der Garage neben ihm einschläfernd gewirkt. Doch sein Körper vibrierte vor Anspannung und Vorfreude, während sein Blick wach und aufmerksam auf dem Ausgang des Tunnels im stillen, nächtlichen Park ruhte. Es war nur noch eine Frage von Minuten, dann konnte er wieder zu ihr zurück...wo immer sie auch gerade war...er würde es schon herausfinden... er fand sie doch immer. Lächelnd blinzelte er einen verirrten Regentropfen aus seinen langen, dunklen Wimpern und hinterließ ein von einem hellen Atemwölkchen begleitetes, leises Seufzen in der kühlen Aprilnacht.

Er konnte seine Schritte hören. Unregelmäßig und manchmal sogar stockend knirschten die Stiefelsohlen auf dem Kies des Gehwegs. Also hatte er wieder getrunken. Etwas wie Enttäuschung durchzuckte ihn. Alkohol dämpfte den Schmerz, aber nun gut...es sollte sowieso schnell gehen. Dies war nicht ganz sein übliches Parkett. Er drückte sich etwas tiefer in den Schatten außerhalb des orangeroten Laternenlichtkegels. Allmählich kamen die knirschenden Schritte näher und schon tauchte seine schattenhafte Gestalt im Lichtschein auf. Er taumelte tatsächlich stark, die Hände tief in den Jackentaschen der dunklen Lederjacke vergraben, das schwarze Haar klebte nass und strähnig an der Stirn und auf seinen schmalen Lippen hing das ewige, selbstgefällige Grinsen, das er von ihm kannte. Nichts und niemand konnte ihm...alle wollten ihn. Ja genau, er wollte ihn auch...aber er konnte ihm auch...

* ~ *

Liz zuckte erschrocken zusammen, als das eindringliche Klingeln ihres Handys sie aus dem Schlaf riss. Leise stöhnte sie und schlug schwerfällig die Lider auf. "Hab Erbarmen und sprich auf die Mailbox!" murmelte sie verschlafen und bemerkte dabei, wie pelzig und tonnenschwer sich ihre Zunge anfühlte. Auch wenn es alles in allem ein wunderbarer Abend war, sie sollte den Weißwein unterhalb der Woche unterlassen, dann würde sich auch ihr Mund auch nicht anfühlen, als wäre darin ein Tier gestorben. Das Handy verstummte und sie atmete erleichtert auf - Der Anruf war auf die Mailbox umgesprungen. Sie schloss wieder die Lider und tastete mit der rechten Hand über die rechte Bettseite. Sie war kalt. Sammy musste schon länger wieder fort sein. Arbeiten, was sonst. Diese Woche hatte er schließlich wieder einmal Bereitschaft. Erneut schrillte der Nerv tötende Ton des Handys los. Sie wischte sich die rotblonden Strähnen aus dem Gesicht und angelte mit der Hand zum Nachttisch. Irgendwann nach dreimal Tasten fand sie es, während es hinter ihrer Stirn schon unfreundlich zu pochen begann. Das wird ein wunderbarer Tag werden, dachte sie zynisch. "Seller?" meldete sie sich mit etwas heiserer Stimme. "Guten Morgen mein Schatz, du klingst wie ein zauberhafter Engel an einem Frühlingsmorgen!" Das Amüsement schwang in seiner Stimme mit. "Sammy? Weißt du eigentlich, was passiert, wenn man eine verkaterte Mittdreißigerin aus dem Land der alkoholisierten Träume holt und veralbert?" Er lachte vergnügt: "Karaokepartys unter der Woche verlangen eben ihren Tribut Liebling!" Sie durchlief es siedeheiß. Wenn Sammy wüsste, wo sie wirklich gewesen war. Das dumpfe Anklopfen ihres Gewissens ignorierend, brummelte sie ärgerlich: "Okay du hattest deinen Spaß, darf ich jetzt weiterschlafen?" Er wurde schlagartig ernst und sachlich. "Wenn du endlich deine Festanstellung beim Gerichtsfernsehen willst, solltest du deinen Hintern lieber aus dem Bett bewegen. Sieh zu, dass du in einer Stunde am Wickers Park bist und nimm dein Aufnahmegerät mit. Das wird deine Story!" Sie setzte sich schlagartig auf und bereute es ebenso schnell. Sie rieb sich die Stirn und versuchte, nach dem Schwindelanfall wieder klar zu sehen. "Eine Story? Was...?" Er unterbrach sie: "Beeil dich, sonst überlegt es sich mein Chef nochmal. Ich habe mit Engelszungen auf ihn eingeredet, damit du die Informationen bekommst. Ich habe ihm geschworen, dass du anders bist als die anderen, nicht diesen Medienritt veranstaltest und ihm das Wort im Munde verdrehst. Ich muss zurück...!" Sie riss die Augen auf. Sie hatte Sammy noch nie so aufgeregt erlebt. Es muss also etwas Größeres sein als die regulären Bandenschießereien. "Aber um was..." Sie verstummte, als das gleichgültige "Tuut Tuut" am anderen Ende erklang. Sammy hatte aufgelegt.

Sie schlüpfte schnell unter die kalte Dusche, allerdings nicht ganz ohne Geschimpfe und Gezeter. Sie war nicht nur verkatert, sondern auch ein Morgenmuffel, und dieser Morgen wandte sich trotz dieser wunderbaren Aussicht auf eine Story mit aller Macht gegen sie. Sie wickelte sich in das große, weiche Saunatuch und hastete, mit nackten Füßen und feuchte Tapsen hinterlassend, zum Kleiderschrank. Eilig suchte sie einen dunklen Nadelstreifenanzug heraus und begann, sich leise fluchend anzukleiden. Wenn nur nicht jede Bewegung so einen Schwindel verursachen würde. Sie bürstete ihr Haar, steckte es mit einer Spange hoch und griff nach dem Telefon, um ein Taxi zu bestellen. Sie sah hinauf zur Uhr. Das Taxi würde ewig bis zum Park brauchen, schließlich war Rush Hour, aber was hatte sie schon für eine Wahl. Selber Auto zu fahren, traute sie sich in ihrem Zustand nicht zu. Sie packte ihren Laptop und das Aufnahmegerät in ihren Pilotenkoffer und stürmte bereits die Treppen hinunter, als der Taxifahrer selig pfeifend den Daumen auf den Klingelknopf von "Seller + Reet" legte.

* ~ *

33 Minuten später stieg Liz aus dem Taxi aus, und der Fahrer gab sofort Gas, als die Autotür des Mercedes klackend hinter ihr ins Schloss fiel. Dem hatte sie die Laune nämlich gründlich verdorben. Das Pfeifen auf seinen Lippen war spätestens ab der dritten Ampel genau dort gestorben. Die Laune seines Fahrgastes war absolut ansteckend. Der erste Fahrgast an diesem Tag...und er war schon urlaubsreif.

Liz eilte derweil auf den verzierten Torbogen des "Wickers-Park" zu, der von zwei schmucklosen Steinstatuen flankiert wurde. Einst war dies ein Privatpark, mit einer eigenen Orangerie zu dem angrenzenden barocken Schlösschen, doch als der Besitzer bankrottging, entschloss er sich, die Anlage an die Stadt zu verkaufen, um wenigstens das Schloss mit all seinen ständig anfallenden Reparaturen halten zu können. So wurde der Park mit mehren Gehwegen durchzogen, um einige Spielplätze und Hundewiesen erweitert und somit der alternden High Society zur Verfügung gestellt, die diese Gegend hauptsächlich bewohnte. Der feuchte Kies knirschte unter den Sohlen ihrer Slippers, als sie auf die Absperrbänder der Polizei zusteuerte und den Gang noch beschleunigte.

Sammy wartete bereits mit einem breiten Lächeln auf sie und hielt ihr einen großen Pappbecher mit dampfenden Kaffee hin. "Ich hätte nicht gedacht, dass du so pünktlich kommst!" Sie stellte den Pilotenkoffer neben sich ab und griff begierig nach dem Kaffee. "Ganz ehrlich gesagt, hätte ich das auch nicht gedacht. Der Taxifahrer muss seinen Schein in der Schneckenschule gemacht haben, und außerdem hatten wir absolute rote Welle!" Sie nippte vorsichtig an dem Kaffeebecher und seufzte zum ersten Mal an diesem Tag selig auf. Dieser braune Zaubertrank half doch immer. Sammy lachte auf: "Lass mich raten, der arme Mann wird heute noch kündigen und sich einen neuen Job mit garantiert wenig Kundenkontakt suchen." Liz schmunzelte und hob gespielt unschuldig die Schultern.

"Verrätst du mir jetzt, warum du mich aus dem Bett geholt hast?" Sie fröstelte plötzlich, zog mit der freien Hand den Kragen des beigen Trenchcoats an ihrem Hals zusammen und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. Sammy blinzelte zum abgesperrten Bereich hinüber und schwieg einen Moment. Dann deutete er mit dem Kinn auf etwas, das unter einer silbernen Plane abgedeckt lag. Mit erneut erweckter Neugier betrachtete sie das Gebilde. Lag da etwa jemand darunter? "Ist das...eine Leiche?" Fragte sie mit stockender Stimme. Sammy nickte und vergrub die Hände in seinen Hosentaschen. "Das vierte Opfer des Scrabble-Mörders!" Liz runzelte die Stirn. "Des Scrabble-Mörders? Was ist denn das für ein merkwürdiger Name? Ich wusste gar nicht, dass ihr so kreativ seid bei der Polizei!" Sammy lächelte freudlos auf ihre sarkastische Bemerkung. "Den Namen haben wir uns nicht einfach ausgedacht. Er lag einfach nahe. Ach und ehe wir dorthin gehen..." Er deutete erst auf den Klapptisch, auf dem sorgfältig eingetütet die Beweismittel lagen, und dann auf die abgedeckte Leiche... "...und du dich eventuell noch ins Reich der Ohnmacht begibst, hast du über meine Frage nachgedacht?" Liz verschluckte sich an ihrem Kaffee. Sie hustete und keuchte, während Sammy ihr vorsichtig auf den Rücken klopfte. Sie wusste ganz genau, was er meinte und worauf er anspielte und diese Reaktion zeigte auch Sammy, dass sie sehr wohl wusste, worauf er anspielte. Also hustete sie ein wenig länger als eigentlich nötig gewesen wäre, um etwas Zeit zu gewinnen. "Weißt du Sammy..." begann sie den Satz dann langsam und ein wenig krächzend. "...das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür." Er hob anklagend die Hände zum Himmel. "Ach Liz, wie viel Zeit brauchst du denn noch? Ich habe dir den Antrag vor einem Monat gemacht, du musst doch allmählich wissen, was du willst! Wir leben seit 5 Jahren zusammen, lass uns doch einfach Nägel mit Köpfen machen. Emotional ändert sich doch nichts. Das Aufstehen fühlt sich noch genauso an wie vorher!" Er streckte die Hand aus und strich mit dem Zeigefinger sachte über ihr Kinn, während der Blick flehend auf ihr ruhte. "Ich weiß...aber die Entscheidung ist nicht so einfach. Es ist so endgültig und ich habe einfach Angst, dass sich unser Verhältnis ändern würde, einfach durch dieses Wissen, dass wir uns nun für immer... nun ja 'ertragen' müssen!" Sie wich seinem Blick aus und Sammy schüttelte resignierend den Kopf. "Liz...das sind doch alles nur Ausreden, weil du dich nicht entscheiden möchtest." Er nahm ihr Kinn sachte zwischen Daumen und Zeigefinger und wandte ihr Gesicht seinem wieder zu. "Hör zu, ich möchte heute Abend die Antwort. Länger lasse ich mich nicht mehr hinhalten. Ansonsten müssen wir wirklich unsere...gemeinsame... Zukunft überdenken!" Dann löste er die Hand wieder und sah über die Schulter und seufzte. "Nun komm an die Arbeit, Fuller wartet schon."

* ~ *

Fuller war ein hochgewachsener, gepflegter Mann in den Fünfzigern. Dennoch überragte der neben ihm stehende Sammy mit seinen 2,05m ihn noch um mindestens eine Kopflänge. Sein graumeliertes Haar war akkurat zu einem Seitenscheitel gekämmt und lag so perfekt, dass man sicher sein konnte, dass er diese Frisur schon seit 20 Jahren tagein und tagaus trug. Seine eisgrauen Augen taxierten sie einen Moment lang aufmerksam. Der geschulte Blick eines Polizisten eben, den er weder privat noch trotz Schreibtischarbeit ablegen konnte. Sie kannte ihn nur zu gut von Sammy. Im Nu wurden alle wichtigen optischen Fakten erfasst und mental notiert. Er reichte ihr die Hand und schüttelte sie mit festem Griff. "Sehr erfreut Frau Seller! Hat Herr Reet sie bereits über das Geschehen aufgeklärt?" Er warf einen kritischen Blick zu Sammy herüber, der diesen freundlich erwiderte. "Nein, lediglich den Namen, unter dem der Mord fällt nannte er mir." Antwortete sie höflich und Sammy ergänzte: "Ich wollte nichts vorweg nehmen und Sie die Tatsachen schildern lassen, damit Sie selbst entscheiden können wie viel die Presse erfahren darf!" Kurz zuckten Fullers Mundwinkel. Ein kleines, aber sicheres Zeichen, dass Sammy wohl richtig gehandelt hatte. "Wahrscheinlich wundern Sie sich über diesen Titel, aber ich denke, Sie werden das gleich besser verstehen." Liz ging in die Hocke, öffnete ihren Pilotenkoffer und entnahm diesem das digitale Aufnahmegerät und die digitale, handliche Kamera. Letzteres verstaute sie vorsorglich in der Hosentasche. Sie ließ den Koffer stehen, schaltete den Recorder an und folgte den beiden Herren zum etwas windschiefen Klapptisch. Fuller sprach einfach weiter, ohne sich nach ihr umzusehen: "Der Grund, warum wir dies also die 'Scrabble-Morde' nennen, liegt hier vor Ihnen."

Liz beugte sich vor und inspizierte den Inhalt der kleinen, nummerierten Tüte und ließ währenddessen den Recorder in ihre Tasche gleiten. Das Mikrofon war so gut, dass sie das kleine Gerät nicht in der Hand halten musste, um eine angemessene Aufnahmequalität zu erzielen. Liz hob die feingeschwungenen Brauen. Jetzt war in der Tat einiges klar. In der Tüte steckte ein Scrabble-Stein. Er war unter dem angetrockneten rotbraunen Blut kaum zu erkennen und seine ursprüngliche cremefarbene Struktur nicht einmal mehr zu erahnen. Sie verengte die Augen zu Schlitzen, um den Buchstaben unter der Kruste auszumachen. Rechts unten erkannte sie eine kleine Nummer. Eine Eins. Also war es einer der häufigen Buchstaben, die nicht so viele Punkte im Spiel einbrachten. Spielte das hier überhaupt eine Rolle? Verwirrt blinzelte sie und sah zu Fuller auf. Ein freudloses Lächeln legte sich auf seine Lippen. "Es ist der Buchstabe S...und zwar schon der zweite!" Er griff in die Metallkiste und legte nacheinander 3 weitere Plastikbeutelchen auf den Tisch. "Insgesamt sind es jetzt 4 Opfer. Alle waren männlich, Ende 30 oder Anfang 40 und zwischen 1,84 cm und 1,93 cm groß, was dafür sprechen muss, dass auch der Täter an die 2 m messen muss. Es sind keinerlei Gemeinsamkeiten vorhanden, zumindest keine, die uns bekannt sind. Zwei der Herren sind südländischen Ursprungs, einer holländischem und dieser junge Mann..." Fuller deutete mit dem Daumen hinter sich auf die verdeckte Leiche. "...ein Deutscher. Allen wurde von rechts nach links die Kehle durchgeschnitten und ein solcher Scrabble-Stein jeweils unter die Zunge gelegt." Liz sah Fuller entsetzt an. "Wie furchtbar..." krächzte sie atemlos. "...Welchen Sinn soll das ergeben? Wir reden hier offenbar von einem Serienmörder nicht wahr?" Sie sah zwischen Sammy und Fuller hin und her. Letzterer nickte wortlos. Als keiner der Beiden weiter etwas sagen wollte, atmete sie tief durch und versuchte, bemüht ruhig weiter zu sinnieren. "...ergeben die Buchstaben denn einen Sinn oder müssen wir mit weiteren Morden rechnen?" Fuller nickte. "Zu diesem Zeitpunkt sind wir uns halbwegs sicher, dass die Mordreihe ein Ende gefunden hat, was für uns die Sache natürlich erschweren würde." Der bittere Zug um seine Mundwinkel verschärfte sich. "Der Mörder hat uns sogar freundlicherweise jegliches Rätselraten erspart, indem er uns das Wort ohne Umschweife bekannt gab. Beim ersten Opfer fanden wir diesen Buchstaben..." Er ergriff die erste Tüte und hob sie leicht an, damit sie den Buchstaben erkennen konnte. Es war ein H. "Beim zweiten fanden wir dieses A und die beiden letzten Buchstaben waren jeweils ein S. Nun Frau Seller, gehe ich recht in der Annahme, dass Sie erkennen, was dies für ein Wort ergibt?" Liz nickte und meinte dann leise. "HASS. Heißt das, dass dies gleichzeitig das Motiv wäre?" Fuller hob die Schultern an, was ihn für einen Moment grotesk halslos wirken ließ aufgrund der Schulterpolster in seinem Sakko. "Davon gehen wir im Moment aus." Wie versteinert, sah Liz auf die Beweisstücke. Wie viel Hass konnte ein Mensch verspüren, der anderen so etwas antat. Sie einfach verbluten ließ und mit einem Scrabble-Stein verzierte? Sie war fassungslos.

Fuller räusperte sich und ging die wenigen Schritte zur Leiche herüber und sah sie abwartend an. "Ich möchte Sie bitten, keine Fotos zu machen Frau Seller. Weder von den Beweisstücken, noch von der Leiche." Liz folgte ihm und nickte wortlos, wobei sie mit gerunzelter Stirn auf den Boden sah. "Wir konnten die Person anhand ihres Ausweises identifizieren. Außerdem wissen wir bereits, dass sie zum Todeszeitpunkt stark alkoholisiert war und die Stunden zuvor in dem Etablissement "Pastis" in der Wallstraße auf der anderen Seite des Parkes verbracht haben muss. Liz fuhr heftig zusammen. Im "Pastis"? Unmöglich! Ihrem Gesicht entwich jegliche Farbe, doch Fuller war zu sehr damit beschäftigt, die Plane zurück zu schlagen, um den Oberkörper und den Kopf der Leiche preiszugeben. "Wir fanden in seiner Tasche eine Streichholzschachtel mit der Adresse ebenjenen Lokals. Momentan befinden sich einige Beamte vor Ort, die bereits einige Zeugenaussagen vom Schankwirt und einer Angestellten aufnehmen konnten. Der Mann wurde am gestrigen Abend dort mit einer Dame bewirtet. Dann seien sie verschwunden und er kam 00:30 Uhr in das Lokal zurück. Die Beschreibung der Frau wird uns später noch durchgegeben. Es lässt die Vermutung zu, dass einer der Beiden entweder in der Nähe wohnt bzw. wohnte, oder sie im 300 Meter entfernten "Parkside Hotel" ein Zimmer gemietet haben. Das werden wir aber auch noch überprüfen müssen." Fuller richtete sich auf und gab den Blick auf das Gesicht des Toten frei. Liz zog scharf die Luft ein und hob die zitternde Hand vor dem Mund. Wie aus weiter Ferne klang Fullers Stimme an ihr Ohr: "Der Name des Opfers ist Raffael Witt und 42 Jahre alt...! Weiter kam er nicht, denn Liz wandte sich abrupt um, wankte zu den Büschen, die gerade erst die ersten Frühjahrssprösse zeigten, und übergab sich. Dann sackte sie zitternd auf die Knie und übergab sich wieder und wieder.

Alles, was Fuller zuletzt gesagt hatte, wusste sie bereits. Sie hatte letzte Nacht diesen Mann im "Pastis" getroffen und dann mit ihm im "Parkside Hotel" geschlafen.

* ~ *

Das nächste, was sie mitbekam, war, dass sie neben Sammy im Auto saß, der ruhig die Straße entlang fuhr. Sie sah zu ihm herüber. "Was...?" Mehr brachte sie im Moment nicht hervor. Er sah besorgt zu ihr und sagte behutsam: "Nachdem du endlich aufgehört hast, dich zu übergeben, bist du ohnmächtig geworden, wie ich es schon befürchtet hatte." Er mühte sich ein Lächeln ab. "Wenigstens bist du dabei zur Seite gekippt und nicht..." Er gestikulierte mit der Hand am Lenkrad "...na du weißt schon...da hinein." Liz war eher zum Heulen als zum Lachen zumute. Alles würde zerbrechen. Sie würden herausfinden, mit wem sich Raffael getroffen hatte und dann würde es auch Sammy erfahren, was sie getan hatte. "Es tut mir leid Sammy..!" Flüsterte sie leise. Er lächelte matt und parkte den Wagen vor ihrem Wohnhaus ein. "Mach dir keine Gedanken. Es war eben deine erste Leiche. Bei meiner ging es mir damals ähnlich. Ich hatte noch ein Jahr lang Alpträume!" Sie senkte den Blick auf ihre Hände. Sie brachte es nicht über sich, ihm zu erklären, dass sie sich eigentlich für etwas ganz anderes entschuldigte. Er stieg aus, ging um das Auto herum, half ihr heraus,nahm dann den Pilotenkoffer von der Rückbank und half ihr die Stufen hinauf. "Um Fuller musst du dir auch keine Sorgen machen, er hat sich ziemlich darüber amüsiert. Er findet es gut, dass ihr 'Pressefritzen' endlich einmal seht, womit wir tagein und tagaus zu tun haben." Liz schwieg und schloss die Wohnungstür auf. Sammy stellte den Pilotenkoffer in die übliche Ecke hinter der Kommode und half ihr dann aus dem Mantel. Sie wankte ins Wohnzimmer und ließ sich matt in einen Sessel fallen. Sie kramte umständlich die vergessene Digitalkamera aus der Hosentasche und fragte leise: "Wärest du bitte so gut und würdest du mir bitte meinen Laptop bringen?" Sammy murmelte etwas Unverständliches und machte sich dann an ihrem Koffer im Flur zu schaffen. Liz lehnte sich derweil zurück und massierte sich die Schläfen. Die Kopfschmerzen kamen zurück. Sammy erschien wieder im Türrahmen, in der rechten Hand den Laptop. Eine Weile betrachtete er sie still von dort aus, dann erst trat er zu ihr, legte das Gerät auf dem Tisch ab und beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf den Haaransatz zu hauchen. "Weißt Du was Liebling, Arbeit ist das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst. Ich lass dir Badewasser ein. Dann sehen wir weiter, in Ordnung?" Sie sah dankbar lächelnd zu ihm auf. "Du bist der Beste, Sammy!" Er lächelte, setzte einen sanften Kuss auf ihre Nasenspitze und richtete sich wieder auf. Bereits während sie die Schuhe von Füßen streifte, war er im Badezimmer verschwunden und sie hörte, wie das Wasser geräuschvoll und willkommen in die Badewanne zu plätschern begann.

* ~ *

Liz schloss einigermaßen entspannt die Lider, während sie etwas tiefer in die Wanne glitt. Sie atmete tief durch und blies etwas Schaum von der Nasenspitze. Sammy trat wieder ein und hielt mit einem verlockenden Schwenk aus dem Handgelenk ein Glas Weißwein. "Geht es dir schon besser Liebling?" raunte er und setzte sich zu ihr auf den Badewannenrand. Sie öffnete die Augen und lächelte zu ihm auf. "Ja, das war wirklich eine gute Idee Sammy. Danke dir!" Er reichte ihr das Weißweinglas und glitt wieder vom Badewannenrand. Dann sank Sammy am Kopfende der Badewanne auf die Knie und streckte seine Hände aus, um sie sanft auf ihre nackten, feuchten Schultern zu legen. Durstig leerte Liz das Glas mit einem Zug, stellte es dann auf der Armatur ab. Während Sammy begann, mit sanften, kreisenden Bewegungen ihre Schultern zu massieren, schweifte ihr Blick durch das Badezimmer und blieb an der hölzernen Teakholzbank hängen, auf der Sammy sorgfältig ihre Kleidung abgelegt hatte und ein paar flauschige Handtücher aufgestapelt hatte. Ein warmer Strom von Liebe durchlief sie, und sie atmete erneut tief durch. Sie hatte einen Entschluss gefasst. "Weißt du was Sammy? Lass es uns tun...Lass uns heiraten. Du bist das Beste, was mir jemals passiert!" Sie hörte sein leises Lachen hinter sich. "Da hast du Recht, es gibt absolut niemanden, der besser für dich wäre!" Er griff für einen Moment fester zu und sie zuckte leicht zusammen, überließ sich aber dennoch mehr und mehr der Trägheit, die sich ihrer bemächtigte.

Wie aus einer anderen Welt erreichte sie Sammys Stimme. "Weißt du, wer die anderen 3 Opfer waren?" Liz wollte etwas antworten, doch ihre Lippen wollten ihr nicht mehr gehorchen und so gab sie nur ein leises Brummen von sich. "Ah, ich sehe, das Farcaramol hat angefangen zu wirken. Das muss am warmen Bad liegen..." raunte er und lachte dann wieder. Dann plauderte er einfach weiter: "Tijs Stejn, Adamo Vittoriani und Samir Abeldir..." Trotz der Wärme des Bades überlief es der regungslosen Liz eiskalt. Sie kannte sie ebenfalls. Wilde, ausschweifende Nächte mit Alkohol und Sex hatten sie geteilt. Eine Hommage an die Jugend, die Liz nie wirklich ausgelebt hatte. Der tiefverwurzelte Gedanke, niemals nur einem gehören zu können und so viel zu erleben, wie es nur geht. Sie schluckte heftig. Aber hieß das, dass Sammy nicht nur wusste, dass sie ihn betrog, sondern auch mit wem...und vor allem hieß das, dass Sammy der Scrabble-Mörder war? Sie versuchte sich aufzurichten, oder wenigstens tiefer ins Wasser zu gleiten, um zumindest seinen Händen zu entkommen. Nichts geschah. Lediglich ein Zucken in der rechten Schulter brachte sie zustande. Was immer er ihr da verabreicht haben musste, es lähmte sie vollständig. Außer ihren Geist, denn der rotierte fieberhaft hinter ihrer pochenden Stirn. "Gib dir keine Mühe...!" Sagte Sammy teilnahmslos und stellte die Massage ein, die inzwischen überflüssig geworden war. "...5 Tropfen in dem Wein lähmen dich für etwa 60 Minuten." Er beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf das Ohr. "Weißt du was?..." raunte er in ihr Ohr: "... Du hättest mir vor zwei Jahren dein Passwort nicht geben sollen für deinen kleinen, feinen Laptop, oder es zumindest irgendwann ändern sollen. Wobei...nein falsch..." Er lachte bitter auf. Auch das Verstellen war nun unnötig geworden. "...Du hättest deine unglaublichen Liebesabenteuer nicht aufschreiben sollen...obwohl...nein auch das ist nicht richtig!" Er erschien nun in ihrem Blickfeld und legte einen Zeigefinger an seine Lippen, als würde er grübeln. Seine sonst so sanften, dunkelbraunen Augen blitzten nun gefährlich. "...Du hättest mich einfach nicht betrügen sollen Liz!" Er beugte sich vor und betrachtete ihre reglose Gestalt, während seine Mundwinkel sich verächtlich verzogen. "Warum Liz? Warum? Ich habe dir immer alle Freiheiten gelassen, die du wolltest, auf die du beharrtest. Ich dachte, wir waren glücklich! Warum hast du nie gesagt, dass dies dir nicht reicht? Wieso hast du mir die Chance gegeben, das zu verbessern, indem du es mir einfach sagtest? Stattdessen springst du mit irgendwelchen dahergelaufenen Touristen ins Bett, während ich nachts Dienst schiebe?" Er richtete sich wieder auf und sagte dann leise: "Du hast mir das Herz gebrochen Liz und wagst es auch noch, meinen Heiratsantrag anzunehmen!" Er verschwand wieder aus ihrem Blickfeld und ließ sie im Wasser zurück.

Panik machte sich in ihr breit. Sie versuchte, den Kopf zu wenden, und als dies misslang, prüfte sie systematisch von unten nach oben die einzelnen Gliedmaßen. Nichts, aber vielleicht würde es funktionieren, wenn sie es nur immer weiter probierte. Sammy erschien wieder neben ihr und legte sorgfältig fünf verschiedene Scrabble-Steine auf den unteren Rand des Jacuzzi, nahm dann das Weinglas von der Armatur und betrachtete sie wieder. "Weißt du, was das Schlimmste ist? Du bist immer noch die Liebe meines Lebens Liz. Deswegen muss ich dich auch töten. Nicht so wie sie... !" Er verzog die Mundwinkel angewidert. "...Dich muss ich aus Liebe töten, nicht aus Hass!" Fast blind vor Panik versuchte sie erneut, Füße, Hände und Kopf zu bewegen...doch nichts. Nicht einmal mehr ein Zucken brachte sie zustande. Sammy spülte unterdessen das Glas im Waschbecken aus und verschwand dann wieder aus ihrem Blickfeld. Wieder prüfte sie die Bewegungen. Da...hatte sich nicht eben der Finger bewegt? Hoffnung ließ ihre Arbeit an den einzelnen Muskeln hartnäckiger werden. Sammy kehrte mit Teelichtern zurück, welche er an den Rändern der Badewanne aufreihte und entzündete. "Keine Sorge Lieblings, du sollst einen schönen Tod haben!" Er warf ihr einen letzten traurigen Blick zu und streute rote Rosenblätter über den Badeschaum. Dann stellte er sich hinter sie und flüsterte: "Schlaf gut mein Schatz!" Er griff wieder nach ihren Schultern und schob ihren Oberkörper weiter in das Badewasser hinein, bis ihr Kopf unterging. Er hob ihren linken Arm aus dem Wasser und legte ihn über den Badewannenrand. unterhalb ihrer tropfenden Hand, legte er ein leeres Tablettenröhrchen.

Er richtete sich wieder auf und seine Augen liebkosten die ihren, in denen die nackte Panik stand. Er nahm den süßen Schmerz und die Befriedigung, die dies in ihm hinterließ, an und wartete...wartete, bis die Luftbläschen, die sich zwischen ihren Lippen lösten, endlich versiegten und wandte sich dann erst von ihr ab. Dann klingelte es an der Tür und Sammy schlüpfte eilig seine Jacke.

* ~ *

Fuller trat ein, nachdem ihm Sammy die Tür geöffnet hatte. "Es tut mir leid, Sie stören zu müssen Herr Reet, aber wir müssen wohl Frau Seller befragen. Wie ein Kreditkartenbeleg und die Beschreibung der Angestellten wohl bezeugen, ist sie gestern Abend die Begleitung von Herrn Witt gewesen." Er tätschelte Sammy freundschaftlich die Schulter. "Das erklärt natürlich ihre Reaktion vorhin. Was immer das zu bedeuten hat, sie wird bei ihrer Körpergröße wohl kaum die Morde begangen haben, aber zumindest eine wichtige Zeugin sein." Sammy brach in Tränen aus und schluchzte: "Sie hat sich umgebracht..." und deutete mit zitternder Hand auf die angelehnte Badezimmertür. "Ich war für das Abendessen einkaufen und als ich zurückkam, fand ich sie so...!" Sammy sackte mit dem Rücken an der Wand herunter und vergrub sein Gesicht in den Händen. "Fuller starrte auf Liz's Leiche unterhalb der Wasseroberfläche und murmelte: "Ich verstehe nicht..." Er verstummte und sah sie starr an. Ein leises Klicken zerbrach nach einer Weile die Stille und blechern hallte plötzlich Fullers Stimme durch den Raum: "...Der Grund, warum wir dies also die 'Scrabble-Morde' nennen, liegt hier vor ihnen..." Verwirrt sah sich Fuller um und sein Blick blieb an dem sorgfältig zusammengefalteten Kleidungsstapel hängen. "... Es ist der Buchstabe S ...und zwar schon der zweite!" dröhnte es aus der Jackentasche. Der Speicher des Aufnahmegeräts war endlich voll, so begann der Recorder automatisch, seine Aufnahmen abzuspielen.

* ENDE *

 

 

Themenvorgabe im Club der Wortakrobaten: URLAUB

 

"Hader ich kann nicht mehr, hörst Du? Ich brauche dringend Urlaub!" seufzte sie. "UR - LAUB!" betonte sie nachdrücklich und laut. Er antwortete nicht. Im Hintergrund hörte sie die kratzigen, teilweise noch im Stimmbruch befindlichen Stimmen der Teenager und das Klicken von Billardkugeln. Also war er wohl gerade im Jugendclub. Endlich klang seine ruhige, tiefe Stimme an ihr Ohr. "Ach Sandra...lass uns doch darüber reden, wenn ich aus Berlin zurück bin. Glaube mir...ich würde dich jetzt zu gern einfach nur in den Arm nehmen und den Tag gemeinsam mit einem schönen Glas Weißwein auf unserem Balkon ausklingen lassen. Aber..." nun seufzte er ebenfalls. Sandra drehte den schweren LAMI-Füller auf dem Tisch. Natürlich war es unfair von ihr, ihn so damit zu überfallen...aber sie hatte auch einen verdammt bescheidenen Tag gehabt und der Feierabend war auch noch lange nicht in Sicht. Hader würde alles für sie tun, das wusste sie auch, doch sooft wie er unterwegs war, fühlte sie sich jedes Mal aufs Neue an solchen Tagen allein gelassen. So auch heute. Leise und ungewollt kühl sagte sie: "Tut mir leid Hader, du hast Recht. Wir sehen uns ja übermorgen wieder. Tschüss!" Ohne ihm eine Gelegenheit zur Antwort zu geben, legte sie auf und im gleichen Moment tat es ihr leid. Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch, winkelte die Arme an und vergrub das Gesicht in den Händen. In solchen Momenten machte sich doch bemerkbar, was für ein ungleiches Paar sie waren.

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Sandra Walther wusste nie, was ihr fehlte. Sie war der festen Überzeugung, dass sie alles hatte. Einen gutbezahlten, wenn auch ziemlich stressigen Job als Direktionsassistentin bei der Postbank in Frankfurt am Main, eine hübsche Mansardenwohnung im Stadtteil Bornheim, einen großen Freundeskreis und eine ausgeprägte Vorliebe für Latte Macchiato. Ihre Freunde beschwerten sich nie, wenn sie nicht die Zeit aufbrachte, sich regelmäßig zu melden. Sie waren selber in solchen geschäftigen Positionen und brachten absolutes Verständnis dafür auf. Wenn sie doch noch Zeit fanden, gingen sie zusammen in den angesagtesten Club der Stadt und tobten sich mit ausreichend Prosecco und Tanzgefühl aus. Nein, ihr fehlte wirklich nichts, für alles andere war sowieso keine Zeit.

Das dachte sie tatsächlich, bis sie dann Hader kennenlernte.

Unter anderen Umständen wäre er jemand gewesen, den sie nicht mal eines Blickes gewürdigt hätte. Er war einfach nicht ihr Stil. Hader war ruhiger und gelassener Art, dunkelhaarig und lediglich 1,78m groß. Sein Kleidungsstil war ebenfalls unscheinbar und leger, dafür aber sein Job absolut gewöhnungsbedürftig. Hader war Streetworker in Berlin, Frankfurt und Hamburg. So gesehen, hätten ihre Wege sich niemals gekreuzt, wäre da nicht ihr gemeinnützig eingestellter Chef gewesen. Auf der Suche nach Sponsoren für seine Beratungsprojekte hatte Hader bei sämtlichen Freunden und Bekannten in seinem Umkreis angefragt, ob sie nicht jemanden wüssten, der diese Projekte unterstützen könnte. Diese fragten nun die nächsten oder ließen ihre eigenen, ganz persönlichen Kontakte spielen. So kam diese Anfrage auch bei Dr. Ulrich Müller, Sandras Chef an, der sich sofort interessiert zeigte. Sandra wusste auch warum, auch wenn sie nie im Leben weder ihm, noch Hader gegenüber ein Wort darüber verlieren würde. Sein Sohn Malte war über mehrere Jahre schwer kokainabhängig. Diese Problematik allerdings wurde nicht einmal selbst von ihm oder seiner Ex-Frau erkannt, sondern von einem einfachen Streetworker, der Malte zugedröhnt von der Frankfurter S-Bahngleise fischte. Malte wurde über 2 Jahre in eine Entziehungskur mit anschließend therapeutischer Betreuung geschickt und war nun wieder vollkommen in der Lage, das Leben auch ohne bewusstseinsveränderte Mittel zu genießen. Dr. Müller jedoch konnte sich das selbst nie verzeihen und unterstützte seit jeher sämtliche Projekte von Streetworkern, Vereinen und Jugendschutzverbänden.

So wurde also auch Hader bei ihm vorstellig. Sandra war beeindruckt von seiner ruhigen Stimme, seiner selbstsicheren und entspannten Ausstrahlung. Die meisten seiner Berufsgruppe wirkten eher unruhig, wenn sie das Vorzimmer des Bankdirektors betraten. Das kalte Bankenklima war nichts für sie und das sah man ihnen auch an. Spätestens dann in den Momenten, wo sie sich verabschiedeten, denn da trug ihr Blick die Erleichterung diesen spartanisch aber modern und geradlinig eingerichteten Ort zu verlassen. Bei Hader war das anders, denn wo er war, herrschte automatisch Wärme. Er schien sich überall wohl zu fühlen und einzufügen. Er wickelte sie so unbefangen in Gespräche, konnte sie so sogar immer wieder unbemerkt ein wenig mehr über ihr Privatleben ausquetschen, dass es sie selbst jedes mal aufs Neue erstaunte. Sein Blick war intelligent und ehrlich und um seine Augen ruhten winzige Lachfältchen, die sich schon zeigten, bevor er sogar nur zu Lächeln begann. Hader also berichtete Dr. Müller und ihr von seiner Arbeit in der mobilen Jugendbetreuung und über sein geplantes Projekt, die sogenannte "kreative Beratung gefährdeter Jugendlicher". Hader plante, die Jugendlichen an die Thematik "Drogen" über künstlerisches Schaffen bspw. Graffiti auf Leinwänden oder natürlich auch auf klassischer Ebene heranzuführen. Ebenso schwebte ihm vor, dies in lyrischer oder musikalischer Richtung weiterzuführen. All dies brachte er in so natürlicher Einfachheit und Überzeugung hervor, dass nicht nur Dr. Müller sondern auch sie absolut Feuer und Flamme dafür waren und es zum Lieblingsprojekt erklärten.

Hader ging nun immer öfter ein und aus im Büro und sie begannen, das Projekt in die Tat umzusetzen. Sie mieteten Räume an, unterstützten den Bau eines weiteren Jugendclubs in Frankfurt, in dem Hader weitere Teenager betreute. Dieses Projekt lief letztendlich so gut, dass es sogar mehrfach von Stadt und Staat ausgezeichnet wurde. So beschlossen sie, dass Projekt auch auf weitere Großstädte auszuweiten und begannen es in Berlin und auch in Hamburg einzuführen. Ein Grund zu feiern. Also veranstaltete Dr. Müller eine riesige Benefiz-Gala in Frankfurt, wo jeder eingeladen war, der Rang und Namen hatte.

...Aber auch ein paar Menschen wie Sandra und natürlich Hader...

Hader stand ein wenig verloren neben dem Bankdirektor, der ihm jeden vorstellte und ihn beinahe sogar wie ein Vorzeigepüppchen vorführte. Er warf Sandra immer wieder stumme, aber flehentliche Blicke zu, die sie mit einem ebenso stillen Lächeln quittierte. Er tat ihr wirklich leid, aber was sollte sie da schon tun können. Sie betrachtete ihn zum ersten Mal genauer. Der dunkle Anzug und die Krawatte wirkten an ihm vollkommen deplatziert, genau wie das sorgfältig zum Scheitel gekämmte und leicht gegelte Haar. Auch sein Kinn war ausnahmsweise glattrasiert. Er war ein komplett anderer Mensch. Hilflos und verloren. In diesem Moment legte sich ein Schalter entgültig bei ihr um. Sie wollte ihm nur noch helfen ... Ihn aus diesem schrecklichen Anzug herausholen, ihm die Haare zerzausen und ihn wieder zu dem machen, wer er wirklich war. So entschuldigte sie sich kurz und ging zum Buffet, um dort heimlich in einem Wust von Servietten verschiedene Häppchen zu stibitzen und in ihrer sowieso viel zu großen Handtasche zu verstauen. Gleich darauf erbat sie sich von einem der Servierer eine Flasche Weißwein und einen Korkenzieher und kehrte dann zu dem Grüppchen zurück, welches um Hader stand und um seine Aufmerksamkeit buhlte. Als Dr. Müller sich nach eienr halbe Stunde zurückzog, um die Toiletten aufzusuchen, ergriff sie eilig sein Handgelenk, entschuldigte ihn bei den anderen Anwesenden, mit den Worten das sie ihn kurz entführen müsste, weil er noch Papiere unterschreiben müsse und zog ihn mit sich.

Ihre Reise endete in dem kleinen Raum am anderen Ende des Ganges, in dem einige technische Geräte aufbewahrt wurden, aber größtenteils leer war. Hader seufzte erleichtert und drehte einen leeren Papierkorb und eine Plastikpalette auf den Kopf, um ihr und sich Sitzgelegenheiten zu schaffen. Er lockerte die Krawatte und sah sie lächelnd an. "Danke Sandra!" sagte er so leidenschaftlich, dass sie in einen kurzen, aber heftigen Lachanfall ausbrach, in den er mit einstimmte. Sie entkorkten den Wein und tranken ihn schwatzend und lachend einfach aus der Flasche. Sandra breitete auf den Servietten die Amuse Gueule aus, und sie ließen den Abend Revue passieren. Hin und wieder berührten sie sich scheinbar zufällig, rutschten näher zusammen und kicherten angeheitert dabei wie die Teenager, mit denen er sich normalerweise umgab.

"Weißt Du was Hader..." fragte sie und trank den letzten Schluck Wein aus der Flasche. Er zog ihr die Flasche aus der Hand und hielt sie gegen das Licht, um zu prüfen, ob auch wirklich kein Tropfen mehr für ihn abfallen würde. "Hmmmm?" brummte er dann scheinbar missmutig. Sie nahm sein Gesicht vorsichtig in beide Hände und drehte es so, dass er sie ansehen musste. "Verbiege dich niemals...! Nie, nie, niemals!" Er lächelte sie spitzbübisch an. "Weißt du Sandra, du bist gar nicht so eine oberflächliche Proseccozicke!" Knurrend knuffte sie ihn dafür in den Magen und er zog sie lachend in die Arme. "...Naja aber immerhin noch eine Zicke!" Ehe sie daraufhin wieder reagieren konnte, drückte er seine Lippen sachte auf ihre und erstickte damit jeden Protest im Keim. Sie genoss diesen Kuss, aber auch den danach und machte sich daran, ihre frühere Gedanken in die Tat umzusetzen. Sie begann damit, ihn von dem Anzug zu befreien.

Dr. Müller war selbstverständlich nicht einmal halb so erfreut über ihr Verschwinden, doch Hader gab an, eine Magenverstimmung bekommen zu haben und dass Sandra sich netterweise angeboten hatte, ihn nach Hause zu fahren. Das stimmte ihn wieder friedlich. Für Sandra und Hader jedoch war es der Anfang einer ungleichen, aber überwiegend humorvoll harmonischen Partnerschaft.

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Sandra starrte unglücklich ihr Telefon an. Warum musste sie die Launen auch immer wieder an ihm auslassen. Sie griff zum Hörer und wählte die Nummer von Haders Handy an. "Hi Sandra!" Erklang es vom anderen Ende kratzig. Das war definitiv nicht Hader. "Sigmund?" fragte sie überrascht. "Jauuuuu. Hader ist eben abgezischt, als hätte er plötzlich Hummeln in der Hose und hat sein Handy vergessen. Soll ich das nach Frankfurt rüberschicken?" Sandra brauchte einige Sekunden um zu begreifen: "Aber...ist er nicht morgen wieder da und kann es selber mitnehmen?" Am anderen Ende schnäuzte sich Sigmund: " Nöööö. Er hat morgen Termine am Flughafen Tegel mit ein paar Kids. Der kommt nicht nochmal hier rein, bevor er Freitag wieder rüber zu euch fliegt" Enttäuscht blinzelte Sandra ein paar Tränen weg. "Oh..." sagte sie dann leise. " ...gut dann schicke es doch am besten mit einem Kurier herüber. Tschüss Sigmund!" Als sich der Sozialarbeiter aus dem Jugendclub ebenfalls verabschiedet hatte, legte sie auf. Sie starrte einen Moment lang die weiße Wand vor sich an, ehe Dr. Müller in ihr Büro platzte. "Frau Walther, mein Flug ist schon wieder storniert worden. Zum 5. Mal heute. Schaffen Sie mir verdammt nochmal einen Flug heran, der heute noch nach London geht! Dieser verfluchte Lufthansastreik kann doch nicht den ganzen Tag dauern! Ich muss Malte heute Abend noch von der Universität abholen und dann weiter zu meiner Ex-Frau nach Edinburgh, sonst kann ich mir die nächsten zwei Jahre wieder anhören, wie unzuverlässig ich bin." Sandra blinzelte noch ein paar Mal und nickte dann. Einen Moment betrachtete ihr Chef sie schweigend, ehe er dann einen Mundwinkel hob, was bei ihm wohl einem Lächeln gleichkam. Verwirrt wurde ihr klar, dass sie ihn noch nie hatte lächeln sehen. "... und wenn ich im Urlaub bin, können Sie doch auch gleich Urlaub nehmen nächste Woche. Es bleibt dann sowieso nicht viel zu tun. Die Ablage schaffen Sie ja auch morgen!" Sie nickte wieder. Vielleicht hatte er recht und ein paar freie Tage würden einiges wieder einrenken bei ihr und Hader...sofern er nicht gleich wieder weiter musste nach Hamburg. Sie griff wieder nach dem Hörer ihres Telefons auf dem Schreibtisch und rief bei dem Reisebüro an, um ein weiteres Ticket für ihren Chef zu ordern, diesmal vorsichtshalber bei British Airways.

Der nächste Tag verging nur langsam. Ständig kreisten ihre Gedanken um Hader und sie verfluchte sich bestimmt 100 Mal in einer Stunde für ihre zickige Art und Weise.

Was ist, wenn er gar nicht wieder kommt und gleich in Berlin bleibt, weil es ihm nun endgültig mit dir reicht? Sie raufte sich die Haare und versuchte, sich wieder auf die Ablage zu konzentrieren. Wieso hat sie diesmal auch nicht nachgefragt, in welchem Hotel er ist? Er muss doch denken, dass er ihr egal sei. Sie schluchzte leise auf und gab auf. Sie heftete die letzten Papiere ab. Heute würde sie einfach früher Feierabend machen. Zu Hause wartete ein ganzer Haushalt auf sie, der geputzt werden konnte. Nichts anderes wollte sie jetzt...außer putzen und schrubben...das half irgendwie doch immer, wenn man wütend war...vor allem auf sich selbst.

Irgendwann nach Mitternacht war die Wohnung auf Hochglanz gebracht worden, die Blumenkästen auf dem Balkon neu bepflanzt, Glühbirnen ausgewechselt, neue Bilder von sich und Hader aufgehangen und es gab wahrlich nichts mehr für sie zu tun. So fiel sie erschöpft, müde, traurig und immer noch ohne jede Nachricht von Hader ins Bett.

Das Schrillen der Türklingel weckte sie am Freitagmorgen und sie schielte verschlafen auf den Wecker. Sieben Uhr. Wer oder was kann das um diese Uhrzeit sein? Wieder klingelte es...diesmal länger und irgendwie auch ungeduldiger. Leise ächzend quälte sie sich aus dem Bett und tappte barfüßig im Schlafanzug die Wendeltreppe hinab zur Eingangstür. Müde blinzelte sie durch den Spion und erstarrte. Hastig wich sie zurück und riss gleichzeitig die Tür auf, um sich sofort nach vorne fallen zu lassen und in Haders Armen zu landen.

"Haderestutmirsoleidsoleidsoleidsoleid!" haspelte sie, ohne Luft zu holen und bedeckte seine Wangen mit unzähligen kleinen Küssen. Lachend ließ er die erste Salve über sich ergehen und schob sie dann ein Stück von sich weg. "Schatz, ist ja gut... beruhige dich und lass mich erst mal hereinkommen." Ein wenig beschämt trat sie zur Seite und ließ ihn ein. Sie schloss die Tür hinter ihm und sah ihn bekümmert an. "Kannst du mir nochmal verzeihen?" Um seine Augen tanzten die Lachfältchen. "Aber ja doch...immer und immer wieder!" Er zog sie in die Arme und gab ihr einen zärtlichen Kuss. "Ich kann dich doch verstehen! Ich wäre auch lieber bei dir, aber du weißt, dass es ja nicht anders geht!" Sie nickte eifrig zu seinen Worten. "Es ist auch in Ordnung, nur manchmal fühle ich mich einfach allein...ach...ich brauche wirklich Urlaub und...!" Sie lächelte nun ebenfalls: "...ich habe sogar schon welchen!" Hader grinste nun breit. "Ja, alles muss man selber machen! Du hättest doch nie danach gefragt bei Ulrich Müller!" Sie sah fragend zu ihm auf. Als es ihr dämmerte, zog sie die Brauen zusammen. "Du warst das? Du hast ihm gesagt, ich soll Urlaub machen?" Hader stellte seinen Rucksack ab und kramte ein zerknautschtes AVIS-Formular hervor. "Ja genau und du solltest packen, wir wollen nämlich gleich los!" Sie sah überrascht zwischen ihm und dem Fahrzeugschein hin und her. "Jetzt? Was? Wohin!" Irritiert und verblüfft ließ sie sich auf den Sessel fallen. "Nach Wessobrunn in Südbayern!" lachte Hader und ließ sich neben ihr auf die Lehne sinken. "Wie bitte...was...was wollen wir da...ist dort ein SPA?" Hader schüttelte den Kopf. "Dort steht der älteste Laubbaum Deutschlands!" Sie packte ihn am Handgelenk. "Ist das ein Scherz? Wir fahren nach Bayern, um einen ollen Baum zu besuchen?" Schon wieder schwang ungewollt in ihrer Stimme mit. Er bückte sich und zog ein paar Flugtickets aus der Tasche und legte sie auf ihren Schoß. "Kein Scherz Liebling. Von dort aus fahren wir weiter nach München, fliegen erst nach Kalifornien in den Redwood National Park, wo der höchste Baum der Welt wächst, dann weiter in den Sequoia National Park, wo der voluminöseste Baum der Welt steht und..." er deutete auf das nächste Ticket "... och nach Mexico...wo der dickste Baum der Welt ist und zu allerletzt nach Schweden wo der der älteste Baum der Welt auf uns wartet!" Sie sah Hader absolut entgeistert an. "Hader...warum in aller Welt die ganzen Bäume?" Er beugte sich vor und küsste sie liebevoll. "Na du wolltest doch...UR- LAUB!"

Dann brachen sie beide in Gelächter aus und machten sich daran, die Sachen für die Reise zusammenzupacken.




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